Perspektiven

Betriebsratsreferent*in: Ein unbekannter, aber unterschätzter …

Betriebsratsreferent*in: Ein unbekannter, aber unterschätzter Beruf?

von Torge Daus

Für angehende*r Sozialwissenschaftler*in stellt sich die Frage, was man mit einem derart diversen und vielfältigen Studium beruflich anfangen kann. Eine wenig bekannte Möglichkeit ist die Tätigkeit als Betriebsratsreferent*in. Was schade ist: Denn diese Stabsfunktion ist oft nicht nur überdurchschnittlich gut bezahlt und extrem abwechslungsreich, sondern die Zahl der Stellen hat sich in den Jahren 2000 bis 2008 sogar verdoppelt.

Betriebs- und Personalräte sind das zentrale Gremium betrieblicher Mitbestimmung, gesetzlich verankert und mit einer langen Historie, dienen sie der institutionalisierten Arbeitnehmer*innenvertretung. Doch in Zeiten von zunehmender Digitalisierung, Prekarisierung, Europäisierung, entgrenzter Arbeit sowie der zunehmenden Beschäftigung von Leiharbeiter*innen stellen sich hier immer mehr Herausforderungen, die thematische, fachliche, technische, sprachliche und methodische Kompetenz erfordern. Dazu kommt eine Tendenz der „Verbetrieblichung“ von Arbeitnehmerfragen; so versuchen viele Arbeitgeber*innen mittlerweile Tarifverträge zu öffnen oder durch einen „Haustarif“ zu ersetzen. Die Antwort auf diese neuen und umfassenden Probleme ist für viele Betriebs- und Personalräte die Errichtung eigener Stabsstellen oder das Einstellen eigener Betriebsratsreferent*innen. Damit zieht man gegenüber der Position der Arbeitgeber*innen – die schon lange Referent*innen und Assistent*innen nur für diesen Zweck beschäftigen – endlich nach und stärkt die Position der Arbeitnehmervertretung.

Die Aufgaben eines*r solchen Referent*in umfassen das, was die Hans-Böckler-Stiftung „Mitbestimmungs-Management“ nennt. Darunter versteht sich die (sowohl externe als auch interne) Öffentlichkeitsarbeit, das (re-)organisieren von Gremienstruktur im Rahmen von Prozessoptimierung und eine langfristige strategische Planung, aber auch das Schreiben von Reden für Betriebsratsvertreter*innen sowie das Coachen einzelner Mitarbeiter*innen. Vor allem aber geht es um wissenschaftliche und fachliche Expertise in rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, was sich z.B. im Entwerfen von Betriebsvereinbarungen äußert. Aber auch die sprachliche Kompetenz spielt bei einer zunehmenden Internationalisierung selbstverständlich eine große Rolle. Die Ehrenamtlichen im Betriebsrat werden so entlastet, die Mitbestimmung gestärkt. Kurzum: Der Beruf erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, Organisationstalent und strategischem Planen. Schließlich trägt man auch eine Verantwortung für die Angestellten des Unternehmens.

Eine akademische Ausbildung ist daher oft Pflicht und viele Betriebsräte suchen hier gezielt Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen, da diese nicht nur fachliche „Allrounder“ darstellen, sondern oft auch die notwendige Portion soziale Kompetenz mitbringen.

Das Ganze ist leider oftmals auch eine Finanzierungsfrage, sodass sich Stellen aktuell nur in Stadtverwaltungen von Großstädten sowie großen Unternehmen (>8.000 Beschäftigte) finden. Nichtsdestotrotz stellt die HBS einen steigenden Trend zur Einrichtung von Stabs- und Referent*innenstellen fest (2008 gab es 250 Stellen, heute ca. 500)

Das Durchschnittsentgelt lag im Jahr 2009 bei 4.200€/brutto, aber: Berufserfahrung ist oft ein Muss. Die wenigsten Referent*innen haben ihre Stelle vor ihrem 30 Lebensjahr erhalten.

Ein möglicher Grund hierfür liegt darin, dass offene Stellen aktuell oftmals nur intern ausgeschrieben werden. Außerdem zögern viele Betriebsräte wegen der schon angesprochenen Finanzierungskonflikte noch. So sind Referent*innen nicht durch die Beschäftigten legitimiert, da hier ja keine Wahl stattfindet und auch die Frage nach der Loyalität gegenüber Gewerkschaft und Betriebsrat stellt sich. Auch die Arbeitgeber*innen haben leider noch nicht durchgängig die Vorteile eines gut aufgestellten Betriebsrates für Gute Arbeit verstanden.

Die HBS jedoch stellt fest: Die Referent*innen bereichern die Arbeit des Betriebsrates oft, die direkten Auswirkungen ihres Handeln sind schnell sichtbar und bewirken positive Veränderungen. So zum Beispiel beim Arbeitskampf um das Sparpaket von DaimlerChrysler im Sommer 2004, als man es schaffte Schichtzulagen und Sonderpausen für Fließbandarbeiter*innen entgegen der Planungen zu erhalten.


Für mehr Informationen und eine statistische Analyse sei auf die letzte, umfassende Studie der HBS verwiesen:
Kübler, Ingo (2006): „Stabsmitarbeiter und Referenten betrieblicher Interessenvertretungen. Ergebnisse einer Befragung.“, Edition der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 174: Düsseldorf.