Außerhoch. Forschung

„Lobbyarbeit für die Wissenschaft“

„Lobbyarbeit für die Wissenschaft“

Ronald Gotthelf hat das „Bremische Bündnis für Wissenschaft“ initiiert. Er ist freiberuflicher Trainer für politische Bildung und ehrenamtlich bei ver.di aktiv, u.a. als Vorsitzender des Fach­bereichs Bildung, Wissenschaft und Forschung in Bremen.

biwifo: Als Folge der Milliardenausgaben für die Pandemie drohen an vielen Hochschulen über kurz oder lang Kürzungen. In Bremen seid ihr schon weiter und habt mit eurem Protest gerade drastische Kürzungen verhindert. Wie habt ihr das geschafft?

Ronald Gotthelf: Unser Vorteil war, dass wir sehr schnell ein breites Bündnis gegründet haben. Am 27. Februar stand in der Lokalzeitung, dass der Bremer Senat überlegt, den Wissenschafts­etat zu kürzen. Die Rede war von 40 Millionen Euro pro Jahr, eine riesige Summe. Das hätte bedeutet, dass von jetzt auf gleich Stellen ohne Ende gestrichen werden. Wir haben ganz schnell unseren ver.di-Hochschularbeitskreis zusammengetrommelt, und fünf Tage nach dem Zeitungsartikel fand das erste Bündnistreffen statt, mit breiter Beteiligung von Personalräten bis Studierenden. Nach einer Woche gab es eine Studi-Demo mit 500 Leuten.

Wie ist das so schnell gelungen?

Wir mussten spontan handeln, um die Dynamik zu nutzen. Dafür haben wir allerdings so einige Vorgaben unserer ver.di-Satzung sehr stark zu unserem Vorteil ausgelegt: Wir haben weder die Frist für die Einladung zum Arbeitskreis eingehalten noch die Gremien auf formellen Sitzungen erst um Erlaubnis gefragt. Die Absprachen liefen stattdessen über Mails, sonst hätte alles viel zu lange gedauert und wir wären bei der Studierenden­demo gar nicht dabei gewesen. Dabei kommt uns zugute, dass wir uns in Bremen alle gut kennen und Vertrauen zueinander haben.

Worauf kommt es euch bei dem Bündnis vor allem an?

Uns ist wichtig, dass das Bündnis breit aufgestellt ist. Vor einigen Jahren waren die Hochschulen schon mal von Kürzungen betroffen. An einer Demo nahmen rund 5.000 Menschen teil, Hochschulleitungen marschierten in der ersten Reihe mit. Viele hat damals beeindruckt, dass es keine typische Studierenden­demo war. Diesmal war es wieder eine bewusste Entscheidung, so viele Gruppen wie möglich einzubinden. Treibende Kräfte sind jedoch eindeutig ver.di und GEW.

Die Unis sind leer, die meisten Beschäftigten arbeiten im Home­office, die Studierenden lernen zu Hause. Wie lässt sich in diesen Zeiten sichtbarer Protest organisieren?

Bei der Kundgebung auf dem Marktplatz ließ sich der Ab­stand problemlos einhalten. Außerdem haben wir eine Petition gestartet. Von Vorteil für unseren Protest sind digitale Medien. Wir haben weder Flyer verteilt noch Plakate aufgehängt. Soziale Netzwerke und Messengerdienste ermöglichen, Informationen sehr schnell zu verbreiten – und eine unglaubliche Dynamik zu schaffen.

Die Proteste haben dazu geführt, dass der Senat zurück­gerudert ist. Auch wenn es nicht – wie ursprünglich im Wissen­schafts­­plan vorgesehen – mehr Geld für die Hochschulen gibt, so bleibt der Etat wenigstens stabil. Seid ihr damit zufrieden?

Nein. Unser Ziel ist, dass der Wissenschaftsplan komplett umgesetzt wird. So wie versprochen. Sonst kann es keine guten Arbeitsbedingungen geben. Die Bremer Hochschulen sind seit Jahren unterfinanziert, es gibt viel zu wenig Personal. Auch bei der Betreuungsrelation hinken wir total hinterher. Dozent*innen in Bremen betreuen ein Drittel mehr Studierende als im bundesweiten Schnitt. Der Senat hat inzwischen auch etwas mehr Geld in Aussicht gestellt. Aber wir sind uns alle einig: Das reicht nicht.

Auch an anderen Unis drohen Kürzungen, etwa in Halle, Hamburg, Niedersachsen und Marburg. Und dabei wird es nicht bleiben. Wie lässt sich bundesweiter Protest organisieren?

Wir brauchen eine kraftvolle Lobbyarbeit für die Wissenschaft. Vereinzelt gibt es Mittelbau-Initiativen, Aktivitäten von Uni Unbefristet und TV-Stud. Jede Statusgruppe ist untereinander gut vernetzt. Aber wir brauchen eine klare Stimme des gesamten Wissenschaftsbereichs. Da sollten wir uns von ver.di noch viel stärker um eine bessere Vernetzung bemühen. Nur wenn alle dabei sind, können wir etwas bewirken. Sonst wird es weitere Kürzungen geben.

Interview: Kathrin Hedtke

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