Außerhoch. Forschung

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Ein interessanter Effekt der aktuellen Pandemie-Situation: Das Vertrauen in die Wissenschaft ist in der Corona-Krise deutlich gestiegen. Abzulesen ist das beispielsweise am sogenannten „Wissenschaftsbarometer“ der Initiative „Wissenschaft im Dialog“: Fast drei Viertel der Befragten geben aktuell an, der Wissenschaft stark oder eher stark zu vertrauen, gegenüber rund der Hälfte in den Vorjahren.

Als Gewerkschaft, die sich für gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzt, freut uns das natürlich. Klar ist dabei, dass sich dieses Vertrauen stark aus der in einer Pandemie unabweisbaren Bedeutung medizinischer Forschung speist. Das ist mehr als nachvollziehbar. Aber auch viele andere wissenschaftliche Disziplinen leisten wichtige Beiträge, die uns helfen, mit der Krise umzugehen, sie zu verstehen und ihre Folgen zu bewältigen. 

Deshalb wollen wir in einer Interviewserie ver.di-Kolleg*innen und ihre Projekte vorstellen, die aus verschiedensten Blickwinkeln an Fragen mit großer Relevanz für die jetzige Situation arbeiten. Ihre Berichte machen deutlich, dass wir in Zukunft eine breite – öffentliche – Forschungslandschaft dringender brauchen als je zuvor.

Lena Frischlich Susanne Luedeling Photography Lena Frischlich

Verschmutzte Informationen erkennen

Prof. a.Z. Dr. Lena Frischlich ist Kommunikationswissenschaftlerin. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster leitet sie seit 2018 eine interdisziplinäre Nachwuchsforschungsgruppe mit dem Titel „DemoRESILdigital: Demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake news, Fear und Hate speech“. Gemeinsam mit Kolleg*innen hat Lena Frischlich aktuell drei Kurzzeit-Studien veröffentlicht, die sich mit der Verbreitung von Fehlinformationen in Zeiten der Corona-Pandemie beschäftigen. Im Sommersemester 2020 ist die 36-jährige darüber hinaus als Vertretungsprofessorin für Medienwandel an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Ihren Weg zu ver.di hat die Wissenschaftlerin in diesem Jahr gefunden. Gemeinsam mit der Gewerkschaft macht sie sich für bessere Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb stark.

Worum geht es in ihrem Forschungsprojekt „DemoRESILdigital: Demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake news, Fear und Hate speech“?
Über den interdisziplinären Zugang wollen wir verstehen, mit welchen manipulativen Inhalten Menschen heutzutage im Internet konfrontiert sind. Wir beschäftigen uns mit Online-Propaganda, Verschwörungstheorien, Hass gegenüber bestimmten Gruppen im Netz und mit gezielten Falschinformationen. Die US-amerikanische Kommunikationsforscherin Whitney Phillips nennt all das „verschmutzte Informationsinhalte“. Das finde ich einen guten Gedanken. Genauso wie Toxine unsere Umwelt verschmutzen, können im Netz Inhalte existieren, die uns nicht guttun. In kleinen Mengen sind diese „Verschmutzungen“ nicht immer schädlich. Aber bei konstanter Verschmutzung kann es eben sein, dass ein Ökosystem kippt. In unserer Forschung bewegt uns deshalb vor allem die Frage, wie wir die Bürger*innen dabei unterstützen können, kompetent mit solchen Inhalten im Netz umzugehen.

Und ist für diesen kompetenten Umgang Demokratische Resilienz nötig?
Ja, genau. Der Begriff Resilienz bezeichnet ja eigentlich die Widerstandsfähigkeit von Materialien gegenüber Erschütterungen. In der Psychologie beschreibt die Resilienz die Fähigkeit zum Umgang mit Krisen. Und unsere Idee ist, dass es diese Fähigkeit auch auf demokratischer Ebene gibt. Hier geht es dann um den Umgang mit anti-demokratischen Einstellungen, Bewegungen und Ideologien. Das kann man auf verschiedenen Ebenen untersuchen. Mit unserem Projekt werfen wir einen Blick auf die Mikroebene und beschäftigten uns mit dem Individuum: Wer schafft es, sich gegen anti-demokratische Inhalte zu positionieren. Dann gehen wir noch einem computer- und datenbasierten Ansatz nach. Hier geht es vor allem um die Systeme, in denen besonders viele verschmutzte Informationen auftauchen.

Ist der Begriff „verschmutzte Informationen“ gleichzusetzen mit „Online-Propaganda“?
Die verschmutzten Informationen sind ein großer Überbegriff: Auf der einen Seite gibt es da die systematisch verbreiteten Fehlinformationen. Dazu kann auch Online-Propaganda gehören. Auf der anderen Seite fallen aber auch unabsichtliche Fehlinformationen unter den Begriff verschmutzte Informationen. Das ist ein Phänomen, das wir in Zeiten der Corona-Pandemie jetzt sehr oft beobachten. Zum Beispiel wenn Menschen Informationen teilen, weil sie ihre Mitmenschen über medizinische Zugänge informieren wollen, die dann aber nicht auf Fakten beruhen.

Sie sprechen von Informationsvermittlung. Lassen sich neue Mechanismen zur Verbreitung von verschmutzten Informationen seit dem Ausbruch der Pandemie erkennen?
Vorneweg muss ich sagen, dass sich die Situation derzeit sehr schnell verändert. Wir fangen gerade erst an, erste Erkenntnisse über einen sehr dynamischen Prozess zu sammeln. Für eine erste Studie haben wir Facebook-Kommunikation in Deutschland von Januar bis März 2020 untersucht. Dabei haben wir uns angesehen, wie einzelne alternative Medien auf Facebook über die Corona-Krise berichten. Die ideologische Rahmung der untersuchten Medien ist auch bei der Verbreitung von Corona-Informationen gleichgeblieben und drückt sich vor allem in einer eher ablehnenden Haltung gegenüber den Maßnahmen zur Eingrenzung der Pandemie aus. Aber es gab nur einen wirklich kleinen Anteil an tatsächlichen medizinischen Fehlinformationen an der gesamten Kommunikation, eher wurden Verschwörungserzählungen befeuert. Das wird häufig übersehen, wenn man über einzelne falsche Stories oder bereits kursierende Fehl-Artikel berichtet. Das ist die gute Nachricht.

Gibt es denn auch eine schlechte Nachricht?
Eine neuere Studie vom Recherchezentrum Correctiv hat ergeben, dass vor allem bei YouTube sehr viele Fehlinformationen bezüglich der Corona-Pandemie existieren. Und dass diese Fehlinformationen über WhatsApp weiterverbreitet werden. Für die Forschung ist diese private Kommunikation natürlich schwer zu untersuchen.

Online-Kommunikation Oliver Berg / dpa Online-Kommunikation

Wie genau gehen Sie dann bei ihren Erhebungen vor?
Bei Correctiv hat man mit einer Meldefunktion gearbeitet. Wir haben für die eben erwähnte Studie eine Big Data-Analyse von über 15.000 Facebook-Einträgen alternativer Nachrichtenmedien gemacht. In einer weiteren Studie haben wir auch über 100.000 Einträge professioneller Nachrichtenmedien analysiert. Beide Erhebungen fanden zwischen Januar und März 2020 statt. In einer Folge-Studie haben wir dann von Ende März bis Anfang April 2020 eine repräsentative Bevölkerungsbefragung durchgeführt. Dabei haben wir festgestellt, dass die allgemeine Nutzung von Sozialen Medien nicht zwangsläufig dazu führt, dass Leute häufiger auf Fehlinformationen über Corona treffen – viele haben aber Vorerfahrungen mit solchen verschmutzten Inhalten gemacht. Man kann sagen, dass wir derzeit in einer sehr unklaren Informationssituation leben. Es ist also schwierig, zwischen vertrauenswürdigen und nichtvertrauenswürdigen Informationen zu unterscheiden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt das Info-Demic bzw. Info-Demie.

Wie kann man dieser Unsicherheit begegnen?
Gerade während der aktuellen Pandemie ist es wichtig, dass vertrauenswürdige Information überhaupt verfügbar ist. Damit meine ich, dass diese Informationen auch dort abrufbar sein müssen, wo sich die Menschen bewegen. Und das ist zunehmend im Internet und den sozialen Medien. Zum anderen hat jede und jeder Einzelne Einfluss auf die Verschmutzung unserer Informationsumgebung. Bevor man also einen Artikel weiter teilt, sollte man ihn möglichst auch vollständig gelesen haben. Auch die Quelle oder die Urheber einer Information geben einen ersten Hinweis. Sind die gar nicht erst angegeben, verzichtet man vielleicht am besten darauf, diesen Artikel über WhatsApp an den Familien-Chat zu schicken.

Kann ihre Forschung einen Beitrag zu einem „gesunden“ Umgang mit der Corona-Krise leisten?
Das hoffe ich doch sehr. Denn wir liefern Daten, aus denen sich erkennen lässt, wer gerade zur Verschmutzung der Informationsumgebung beiträgt. Menschen, die politische Entscheidungen treffen, können auf diese Daten zugreifen. Dabei wollen wir jedoch nicht erreichen, dass bestimmte Inhalte ausgeschlossen werden. Anhand unserer Daten verstehen wir aber auch besser, welche Mechanismen genutzt werden, um mit verschmutzten Informationen Menschen zu manipulieren. Über diese kommunikationswissenschaftlichen Mechanismen können wir dann aufklären. Und wenn die Menschen die Online-Kommunikation besser verstehen, kann ihnen das helfen, sich in dieser Umwelt selbstbewusster zu bewegen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf ihre Forschung?
Weil wir Online-Phänomene untersuchen, können wir unsere Forschung zum Glück fortführen. Inhaltlich wird derzeit aber vieles von der Corona-Thematik überlagert. Veränderungen gibt es auch bei den Arbeitsbedingungen. Auf den persönlichen Austausch mit meinen Kolleg*innen muss ich derzeit verzichten, da wir alle im Home Office arbeiten. Und auch meine Lehre in München halte ich gerade virtuell ab. Das finde ich sehr schade, denn der Kontakt zu den Studierenden fehlt mir wirklich.

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