Außerhoch. Forschung

Belastet und prekär

Belastet und prekär

Von Herbert Wulff

Zwei Drittel der befristet Beschäftigten an Hessens Hochschulen blicken mit Sor­gen auf ihre berufliche Zukunft. Das zeigt eine von der Initiative „darmstadtunbefristet“ gemeinsam mit ver.di und der GEW initiierte Befragung, an der sich mehr als 3.000 Beschäftigte beteiligt haben. Vier von fünf unbefristet Angestellten haben hingegen selten oder nie berufliche Zu­kunfts­sorgen. „Die permanente Un­sicher­heit ist für befristet Beschäftigte eine extreme Be­lastung, das belegt unsere Befragung ganz deutlich“, erläutert die Soziologin Ricarda Kramer, die wie fast alle ihrer Kolleg*innen selbst nur einen Arbeits­vertrag auf Zeit hat und sich bei „darmstadtunbefristet“ en­ga­giert. „Und sie zeigt, dass die Belastung seit Beginn der Coronapandemie noch einmal gestiegen ist.“ Dies gelte zwar auch für unbefristet Angestellte, noch stärker aber für Beschäftigte mit Fristvertrag.

So arbeiten Hessens Hochschulbeschäf­tig­te laut Befragung verstärkt am Wochen­ende und in den Abendstunden – unter anderem, weil tagsüber Kinder im „Home­schooling“ betreut werden müssen. Zudem hat der Arbeitsaufwand in der Lehre durch die Umstellung auf digitale Formate zugenommen. Zugleich wurde die Forschung erschwert, zum Beispiel durch fehlenden Feld­­­zugang oder geschlossene Labore.

84 Prozent der­jenigen, die sich im Rahmen einer Promotion oder Habilitation qualifizieren, gehen deshalb davon aus, dass sich ihr Abschluss durch die Pandemie verzögert. „Die Schlussfolgerung muss sein, dass alle befristeten Verträge um pauschal mindes­tens zwölf Monate verlängert werden, wenn die Betroffenen das wollen“, meint der Physiker Johannes Reinhard. Der ver.di-Ver­trauens­leutesprecher an der TU Darm­stadt verweist auf eine Änderung des Wis­sen­schafts­zeit­vertrags­gesetzes, die Ver­längerungen über den bisherigen Höchst­rahmen hinaus ermöglicht. „Doch ob sie das umsetzen, liegt allein im Gutdünken von Unileitungen und Vorgesetzten. Wir brauchen hier dringend einen verbindlichen Anspruch.“

Vor allem aber gelte es, den Anteil unbefristeter Verträge deutlich zu erhöhen. In Hessen sind nach Daten des Statistischen Landesamtes über 18 Prozent der Admini­stra­tiv-Technischen und fast 90 Prozent der Wissenschaftlichen Mit­arbei­ter*innen auf Zeit angestellt. „Diesen untragbaren Zu­stand kritisieren wir schon lange. Doch die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Hoch­­­schulen verweisen auf den jeweils anderen und ändern nichts“, kritisiert Gabriel Nyc, der bei ver.di in Hessen für den Bereich Bildung, Wissen­schaft und For­schung zuständig ist. Gemeinsam mit den unbefristet-Initiativen an verschiedenen Hochschulen werde die Gewerkschaft die Forde­rung nach mehr Dauerstellen immer wieder zum Thema machen. Die Be­fragung liefert dafür jede Menge Argu­mente.

Weitere Infos: darmstadtunbefristet.wordpress.com

 

„Sitzen auf gepackten Koffern“

Mit Koffern bepackt sind rund 120 Beschäftigte der Uni­versität Göttingen zum Bahnhof gezogen. Damit wollten die ­Kolleg­*innen mit befristeten Verträgen auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen, sagt Nina Kruse von der Ini­tiative Uni Göttingen Unbefristet. „Wir wollten deutlich machen, dass wir ständig auf gepackten Koffern sitzen.“ An der Aktion am 15. April – siehe Titelbild – be­tei­lig­ten sich neben Wissen­schaft­lichen Mitarbei­ter*innen auch Kolleg­*innen aus Technik und Verwal­tung.

Nina Kruse will ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, weil ihr eigener Vertrag am Jahres­ende ausläuft und sie auf eine Verlängerung hofft. „Ich will es mir nicht verscherzen“, sagt die Sprecherin der Initiative. „Das ist schlimm. Wir sind total abhängig, können nicht mal offen sagen, wenn wir etwas nicht richtig finden.“ Ständig lebten sie in Sorge, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde und sie umziehen müssten. „Das ist sehr stressig“, klagt die junge Frau. Viele Kolleg*in­nen in ihrer Abteilung seien von einem Tag auf den anderen einfach weg. In der Corona­pandemie liefen die Stellen nahezu unbemerkt aus. „Das wollen wir sichtbar machen.“

Auch die Studienbedingungen litten unter den Befristungen. „Studierende brauchen dauerhafte Ansprech­personen“, betont die Verwaltungsangestellte, „kein Personal­karussell.“ Alle hätten davon Nachteile, wenn Kolleg*innen aus dem technischen Support, der Verwaltung oder Lehre ständig ausgetauscht werden. Die Gelder von Land und Bund gelte es dafür zu nutzen, dauerhafte Stellen einzurichten. Für die Beschäf­tig­ten seien be­fristete Verträge eine einzige Qual, sagt Nina Kruse. „Ständig müssen sie sich neu einarbeiten, altbewährte Ange­bote als neue Innovatio­nen verkaufen. Das ist frustrierend.“ Fest steht, dass Kürzungen die Be­schäf­tigten mit befristeten Verträ­gen zuerst treffen. Deshalb sei zu befürchten, dass sich ihre Situation im Zuge der Coronapandemie noch verschärfe, so die Sprecherin. Das Ziel der Initia­tive lautet: Niemand soll mehr unfreiwillig die Koffer packen müssen.

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