Außerhoch. Forschung

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Ein interessanter Effekt der aktuellen Pandemie-Situation: Das Vertrauen in die Wissenschaft ist in der Corona-Krise deutlich gestiegen. Abzulesen ist das beispielsweise am sogenannten „Wissenschaftsbarometer“ der Initiative „Wissenschaft im Dialog“: Fast drei Viertel der Befragten geben aktuell an, der Wissenschaft stark oder eher stark zu vertrauen, gegenüber rund der Hälfte in den Vorjahren.

Als Gewerkschaft, die sich für gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzt, freut uns das natürlich. Klar ist dabei, dass sich dieses Vertrauen stark aus der in einer Pandemie unabweisbaren Bedeutung medizinischer Forschung speist. Das ist mehr als nachvollziehbar. Aber auch viele andere wissenschaftliche Disziplinen leisten wichtige Beiträge, die uns helfen, mit der Krise umzugehen, sie zu verstehen und ihre Folgen zu bewältigen. 

Deshalb wollen wir in einer Interviewserie ver.di-Kolleg*innen und ihre Projekte vorstellen, die aus verschiedensten Blickwinkeln an Fragen mit großer Relevanz für die jetzige Situation arbeiten. Ihre Berichte machen deutlich, dass wir in Zukunft eine breite – öffentliche – Forschungslandschaft dringender brauchen als je zuvor.

Thomas Twardoch HZI Braunschweig Thomas Twardoch

Forschung ist mehr als Wissenschaft

Thomas Twardoch arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Für seine Tätigkeit als Vorsitzender des Betriebsrates ist der gelernte Maschinenbaumechaniker zu 100 Prozent freigestellt. Mitglied in ver.di ist der 43-jährige „eigentlich schon immer“. Schon zu Beginn seiner Ausbildung ist er in die Gewerkschaft eingetreten. In der AGBR, der Arbeitsgemeinschaft der Betriebs- und Personalräte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen, tauscht Thomas Twardoch sich mit seinen Kolleg*innen u.a. über den Umgang mit Befristungen im wissenschaftlichen Bereich aus. Neben dem Einsatz für gesunde Arbeitsformen und Arbeitsplätze ist dies eines seiner Herzensthemen. 

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich für die Infektionsforschung in Zeiten von Corona?

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig hat eine hohe Expertise, wenn es um Infektionskrankheiten geht. Deswegen haben wir aufgrund der Covid19-Pandemie wirklich ein enormes Aufkommen an Presse-Anfragen.

Wissenschaftlich liegt der Forschungsschwerpunkt in Braunschweig bisher eigentlich nicht auf den sogenannten neuen Corona-Viren. Innerhalb von wenigen Wochen haben wir aber neue Corona-Forschungsprojekte am Zentrum etabliert. Das war ein enormer administrativer Aufwand, der aber auch dazu geführt hat, dass zusätzliches Personal für die neuen Projekt eingestellt werden konnte.

Und dann wollen wir natürlich vermeiden, dass das Zentrum, bzw. Teile des Zentrums, aufgrund von Quarantäne- oder Infektionsfällen vorübergehend geschlossen werden müssen. Die laufende Corona-relevante Forschung sollte aufrechterhalten werden, um schon gewonnene Ergebnisse nicht zu gefährden. Der Betrieb am Forschungszentrum wird also unter den entsprechenden Vorkehrungen fortgeführt. Dabei sind wir den behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie übrigens immer ein kleines Stück voraus. 

Wie sehen eure Sicherheitsmaßnahmen aus? 

Die oberste Maxime aller unserer Maßnahmen ist es, persönliche Kontakte vor Ort weitestgehend auszuschließen. Darauf haben wir unsere Arbeitsschutz-Standards ausgerichtet und justieren auch ständig nach. 

Sofern möglich, gibt es keine Büros mit Doppelbelegung mehr. Die Kolleg*innen arbeiten wechselweise im Home Office bzw. im Büro. Im wissenschaftlichen Bereich des Forschungszentrums gibt es unter anderem ein Wechsel- bzw. Schichtsystem und die Labore unterliegen ja ohnehin besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Die Corona-Forschung am Virus wird übrigens in Laboren der Sicherheitsstufe S3 durchgeführt. Diese bieten eine in der heutigen Infektionsforschung unverzichtbare Technologie- Plattform - nur so können unsere Wissenschaftler neue Diagnoseverfahren, Präventionsmaßnahmen oder Therapien gegen diese Krankheitserreger entwickeln. Die Luft in allen Laboren wird standardmäßig sieben Mal pro Stunde komplett ausgetauscht. Das entspricht quasi dem Arbeiten an der frischen Luft. Aber auch in den Laboren gibt es jetzt zusätzliche Schutzmaßnahmen. Denn manchmal ist es nicht zu vermeiden, dass mehrere Menschen gleichzeitig in einem Labor tätig sind. Die neue Schutzregel lautet derzeit, dass in den Laboren 10 Quadratmeter Platz pro Person zur Verfügung stehen müssen. 

Darüber hinaus müssen alle Beschäftigten, die 15 Minuten im direkten Kontakt mit anderen Kolleg*innen standen, diesen Kontakt einer zentralen Erfassungsstelle melden. Im Infektions-Fall könnten wir dann die Infektionskette per Knopfdruck nachvollziehen und an das Gesundheitsamt übermitteln.

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig TeWeBs Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig


Du hast unterschiedliche Sicherheitsmaßnahmen für unterschiedliche Bereiche des Forschungszentrums beschrieben. Welche Berufsgruppen sind denn überhaupt für eine erfolgreiche Forschung nötig?

Wir haben viele Beschäftigte, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so sichtbar sind, ohne die ein Forschungszentrum wie unseres aber nicht funktionieren würde. 

Den meisten Menschen fallen beim Thema Forschung natürlich die Beschäftigten aus dem Bereich Wissenschaft ein. Also die technischen Assistent*innen, Doktorand*innen, Post-Docs, Stipendiat*innen und die Professor*innen. Daneben gibt es die Administration, mit Rechenzentrum und IT. In der Haustechnik arbeiten Schlosser*innen, Elektriker*innen und Ingenieur*innen. Und da wir medizinische Grundlagenforschung betreiben, sind am Forschungszentrum auch Tierpfleger*innen beschäftigt. Dazu kommen die Beschäftigten in der Verwaltung, zu der z.B. die Personalabteilung, die Beratungsstelle für Drittmittel-Akquise und der Einkauf gehören. Und jetzt habe ich lange noch nicht alle Berufe aufgezählt. Kurz gesagt: Würde man eine Berufsgruppe aus der Kette herausnehmen, würde hier alles zusammenfallen.  

Hat sich denn deine Arbeit als Betriebsrat in Zeiten von Corona auch verändert?

Ich habe in den letzten Monaten auch Erfahrungen im Home-Office sammeln können. Und ich bin positiv überrascht, wie gut die üblichen Prozesse weiterlaufen können. Dennoch gibt es für die Betriebsratsarbeit jetzt eine neue große Herausforderung. 

In Zeiten der Pandemie sammeln wir gerade zahlreiche neue Erkenntnisse. Und daraus müssen wir als Betriebsrat tragfähige Grundlagen-Konzepte für die Zukunft formulieren. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir über die aktive Gestaltung von Digitalisierungsprozessen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vorantreiben müssen. Denn in der Krise hat sich bewiesen, dass die Arbeit im Home-Office in weiten Teilen funktioniert. In diesem Bereich hat uns die Pandemie um mindestens fünf Jahre nach vorne katapultiert. Damit dieser Fortschritt nicht wieder in Vergessenheit gerät, müssen wir jetzt am Ball bleiben.

Wer profitiert eigentlich von der Arbeit der Beschäftigten am Zentrum?

Wir arbeiten daran, Infektionskrankheiten zu besiegen. Um Krankheitserreger bekämpfen zu können, müssen wir das Infektionsgeschehen verstehen. Dafür betreiben wir Grundlagenforschung. Die am Zentrum erzielten Ergebnisse finden dann ihren Weg in die klinische Anwendung. Und so profitiert die gesamte Gesellschaft von unserer Arbeit. 

Es gibt auch ein ganz konkretes Beispiel in der Corona-Krise: Die deutschen Gesundheitsämter nutzen die Seuchenmanagement-App SORMAS. Diese App, und auch die spezielle Version für die COVID19- Pandemie, wurde gemeinsam mit internationalen Partnern am Helmholtz-Zentrum entwickelt. Die App wurde schon zu Zeiten der Ebola-Epidemie entworfen und dient dazu, Kontaktwege nachzuvollziehen. Die Funktionen gehen aber deutlich über die nun von der Bundesregierung zur Verfügung gestellte Corona-Warn-App hinaus. Die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen trägt also auf ganz unterschiedliche Weise dazu bei, die Bevölkerung vor Infektionskrankheiten zu schützen.

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