Außerhoch. Forschung

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Interviewreihe: Forschung für die Krise

Ein interessanter Effekt der aktuellen Pandemie-Situation: Das Vertrauen in die Wissenschaft ist in der Corona-Krise deutlich gestiegen. Abzulesen ist das beispielsweise am sogenannten „Wissenschaftsbarometer“ der Initiative „Wissenschaft im Dialog“: Fast drei Viertel der Befragten geben aktuell an, der Wissenschaft stark oder eher stark zu vertrauen, gegenüber rund der Hälfte in den Vorjahren.

Als Gewerkschaft, die sich für gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzt, freut uns das natürlich. Klar ist dabei, dass sich dieses Vertrauen stark aus der in einer Pandemie unabweisbaren Bedeutung medizinischer Forschung speist. Das ist mehr als nachvollziehbar. Aber auch viele andere wissenschaftliche Disziplinen leisten wichtige Beiträge, die uns helfen, mit der Krise umzugehen, sie zu verstehen und ihre Folgen zu bewältigen. 

Deshalb wollen wir in einer Interviewserie ver.di-Kolleg*innen und ihre Projekte vorstellen, die aus verschiedensten Blickwinkeln an Fragen mit großer Relevanz für die jetzige Situation arbeiten. Ihre Berichte machen deutlich, dass wir in Zukunft eine breite – öffentliche – Forschungslandschaft dringender brauchen als je zuvor.

Mirko Broll Privat Mirko Broll

Wenn Solidarität verweigert wird - Interview mit Mirko Broll

Mirko Broll ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im interdisziplinären Forschungsprojekt „Transnationale Praktiken der Solidarität“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes schreibt der Soziologe seine Dissertation zur solidarischen Gesundheitsbewegung in Griechenland. Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf den Auswirkungen der Austerität auf das dortige öffentliche Gesundheitswesen. Für Mirko Broll war früh klar, dass er Gewerkschaftsmitglied wird. Schon als studentischer Mitarbeiter hat er die oftmals prekären Arbeitsbedingungen im Hochschulbereich hautnah miterlebt. Gemeinsam mit ver.di setzt er sich seitdem für faire Arbeits-und gute Forschungsbedingungen ein.

Welche Folgen hat die harte Sparpolitik für die griechische Bevölkerung?
Im Zuge der Wirtschaftskrise und Sparpolitik seit dem Jahr 2010 haben in Griechenland sehr viele Bürger*innen ihre Krankenversicherung verloren. Zu Hochzeiten der sogenannten Griechenland-Krise waren etwa drei Millionen Menschen, also etwa ein Drittel der griechischen Bevölkerung, nicht krankenversichert. Das staatliche Gesundheitssystem stand ihnen nicht mehr zur Verfügung. Um diesem Problem zu begegnen, entstanden aus der Zivilgesellschaft solidarische, nicht-kommerzielle Kliniken und Apotheken.

Nicht nur Reaktion auf mangelnde öffentliche Gesundheitsversorgung, sondern auch Orte der politischen Selbstorganisation: Sozialkliniken wie hier in Elliniko. Privat Nicht nur Reaktion auf mangelnde öffentliche Gesundheitsversorgung, sondern auch Orte der politischen Selbstorganisation: Sozialkliniken wie hier in Elliniko.

Und wie funktionieren diese alternativen Krankenhäuser?
Das ist eine Graswurzel-Bewegung, eine Solidarität von unten. In der Regel sind es Kliniken der ambulanten Primärversorgung, die komplett selbstorganisiert und nur durch Sach- sowie Geldspenden betrieben werden. Diese Kliniken sind basisdemokratisch, parteiunabhängig und für alle Patient*innen egal welcher Staatsangehörigkeit kostenfrei und inklusiv. Es wird also niemand nach dem Erwerbsstatus oder der Herkunft gefragt. Über diese Nothilfe hinaus verstehen sich die Initiativen des solidarischen Gesundheitswesens vor allem als politische Bewegung. Sie fordern, die europäische Sparpolitik einzustellen, so dass die griechische Gesundheitsversorgung wieder vollumfänglich in die staatliche Verantwortung zurückgeführt werden kann. Es geht ihnen um die Verwirklichung des Rechts auf Gesundheitsversorgung für alle Menschen.

Was hat Europa mit dem griechischen Gesundheitswesen zu tun?
In der Krise hat Griechenland finanzielle Hilfen von den europäischen Institutionen und dem Internationalen Währungsfonds erhalten. Diese sind mit strikten Auflagen zu Reformen verbunden gewesen. Besonders im Gesundheitswesen sollte gespart werden. In den Jahren zwischen 2010 und 2014 wurde das Budget für Gesundheitsausgaben in Griechenland daher fast halbiert. 

Mit welchen Folgen?
Im Gesundheitsbereich wurden insgesamt 35.0000 Stellen gestrichen, viele Kliniken mussten schließen. Die Unterfinanzierung führt dazu, dass die verbleibenden Krankenhäuser sich keine geeigneten Gerätschaften mehr leisten konnten. Da viele Krankenhäuser bei den Pharmaunternehmen verschuldet sind, ist auch die Beschaffung notwendiger Medikamente teilweise schwierig. 

Wie geht Griechenland angesichts dieses maroden Gesundheitssystems mit der Corona-Krise um?
Glücklicherweise hat sich das Corona-Virus in Griechenland noch nicht stark ausgebreitet. Die Regierung hat frühzeitig Reise- und Ausgangsbeschränkungen verhängt, die Schulen wurden sehr früh geschlossen. Da die Bevölkerung um den schlechten Zustand des Gesundheitssystems weiß, befolgt sie diese Einschränkungen weitestgehend. Zum Vergleich: In Griechenland stehen pro 100.000 Einwohner*innen derzeit 8 Intensivbetten in Krankenhäusern zur Verfügung. In Deutschland sind es 34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner*innen.

Aktive bei der Arbeit in der solidarischen Klinik in Piräus. Privat Aktive bei der Arbeit in der solidarischen Klinik in Piräus

Lässt sich an diesem Beispiel die soziale Ungleichheit innerhalb Europas ablesen?
Ja, eindeutig. Griechenland und weitere südeuropäische Staaten haben daher die Einführung der sogenannten Corona-Bonds gefordert. Also eine gemeinsame finanzielle Haftung der Euro-Länder in der Corona-Pandemie. Reichere Staaten wie Deutschland, Österreich, die Niederlande und Finnland haben sich dagegen ausgesprochen. Diese Ablehnung steht in einer Tradition der verweigerten Solidarität innerhalb Europas. Denn die gleichen Staaten haben in der Griechenlandkrise von 2010 die strikten Einsparungen zur Bedingung der finanziellen Hilfen gemacht. Der schlechte Zustand des griechischen Gesundheitssystems ist auch eine Folge dieser erzwungenen Austeritätspolitik.

Auch in Deutschland wird zunehmend über die prekäre Situation im Gesundheitswesen gesprochen. Kann man angesichts des Vergleichs mit Griechenland überhaupt von einem Notstand sprechen?
Durchaus. Dabei spielt sich die Misere des deutschen Gesundheitswesens auf einer anderen Ebene ab als in Griechenland. In Deutschland wird seit den 80er Jahren eine starke Ökonomisierung des Gesundheitswesens vorangetrieben. Diese wird vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten, aber auch der Patient*innen, ausgetragen. Die Einführung des sogenannten Fallpauschalen-Systems (DRG) Anfang der 2000er Jahre hat diese Entwicklung auf die Spitze getrieben. Seitdem werden Krankenhäuser in Deutschland zunehmend wie kapitalistische Betriebe geführt und nicht mehr als Institutionen der öffentlichen Daseinsvorsorge. Die Corona-Krise macht diesen Missstand nun auch einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar.

Was kann die Forschung in diesem Zusammenhang leisten?
Die Aufgabe kritischer Wissenschaft ist es, den Finger in die Wunde zu legen und zu zeigen, dass die Unterfinanzierung der Gesundheitssysteme politisch herbeigeführt wurde. Besonders in Zeiten von Corona kann ein Blick nach Griechenland für Deutschland und Europa lohnend sein. Das Recht auf eine einheitliche, gleichermaßen gute und vor allem öffentliche Gesundheitsversorgung für alle Menschen in Europa sollte das Ziel sein, für das die verschiedenen sozialen Gesundheitsbewegungen gemeinsam kämpfen. Die solidarischen Kliniken in Griechenland zeigen, dass grundsätzlich eine Gesundheitsversorgung möglich ist, die nicht nach ökonomischen und staatsbürgerlichen Kriterien organisiert ist. Dieses inklusive Modell des Gesundheitswesens ist also mehr als eine Notlösung in Krisenzeiten. Es kann vielmehr als Inspiration für eine solidarische Organisation des Gesundheitswesens dienen.

Beeinflusst die Corona-Pandemie auch ihr eigenes Forschungsprojekt?
Absolut. Meinen letzten Forschungsaufenthalt in Griechenland musste ich vorzeitig abbrechen. Vor Ort war eigentlich ein mehrtägiger Workshop mit Personen aus den solidarischen Kliniken geplant. Diesen Workshop habe ich einen Monat lang vorbereitet und viel Arbeit investiert. Im letzten Moment, als schon viele Teilnehmer*innen vor Ort waren, mussten wir diesen Workshop aufgrund der Maßnahmen der griechischen Regierung absagen. Das ist die massivste Einschränkung, die meine Forschung durch Corona erfährt. Denn bei diesem Treffen wollte ich meine bisherigen Forschungsergebnisse mit den Menschen aus der Praxis reflektieren. Insofern wirft mich diese Absage in meiner Forschung zeitlich zurück. Denn diese Absicherung der Ergebnisse soll und muss noch stattfinden. Derzeit ist aber natürlich unklar, wann ein solcher Workshop wieder durchgeführt werden kann.

Ansprechpartner/innen