Außerhoch. Forschung

»Das fühlt sich super an«

»Das fühlt sich super an«

So etwas hat man beim GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung noch nicht gesehen – und gehört. Lautstark zogen am Dienstag (29. September 2020) mehrere Dutzend Streikende über das Gelände im Darmstädter Norden, um auf die ver.di-Tarifforderungen im öffentlichen Dienst aufmerksam zu machen. Es war die erste Arbeitsniederlegung überhaupt in der 50-jährigen Geschichte der hessischen Großforschungseinrichtung.

»Das fühlt sich super an«, sagt der ver.di-Vertrauensmann Jan Regler über seinen ersten Streik. »Wir sind als Gewerkschaft so sichtbar wie nie an der GSI – das ist großartig.« Zur Unterstützung sind Kolleginnen und Kollegen aus den Stadtverwaltungen Pfungstadt und Darmstadt, von der Bundeswehr und der Telekom, aus dem Landratsamt sowie von der Technischen Universität Darmstadt gekommen. »Für mich ist das selbstverständlich«, sagt der ver.di-Vertrauensleutesprecher der TU, Carl Pfeil-Herz. »Nur mit Solidarität kann man etwas erreichen, dafür gibt es die Gewerkschaft.«

Streik GSI2 ver.di Streik GSI

In früheren Tarifrunden hätten meist die Busfahrer und andere die Lohnerhöhungen erkämpft, blickt Jan Regler zurück, der auch Betriebsratsvorsitzender an der GSI ist. »Jetzt sind wir mal dran, Solidarität zu zeigen in diesen sehr schwierigen Verhandlungen.« Ihm gehe es dabei auch um die Unterstützung von Beschäftigten in den Krankenhäusern und in der Altenpflege, die unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten müssten.

Gerade noch seien solche »systemrelevanten Berufe« überall gelobt worden, doch plötzlich sei angeblich kein Geld da, um sie angemessen zu bezahlen, kritisiert der Physiker Holger Brand. Der ver.di-Vertrauensmann betont, dass auch die Grundlagenforschung an der GSI eine hohe gesellschaftliche Relevanz habe. Zum Beispiel würden hier entwickelte Teilchenbeschleuniger erfolgreich in der Krebstherapie eingesetzt. Auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie spielt die Forschungseinrichtung eine wichtige Rolle. So wird derzeit an Verfahren gearbeitet, um Viren über Ionenbestrahlung zu inaktivieren und durch Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenentzündungen durch Bestrahlung zu therapieren. Andere Projekte zielen auf die Entwicklung einer schnelleren Viruserkennung und auf die Herstellung verbesserter Virusfiltermasken. »Diese Forschung findet unter deutlich erschwerten Bedingungen statt«, betont Holger Brand. »Viele sind im Homeoffice, dennoch halten wir den Betrieb aufrecht – trotz aller Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.« Das müsse honoriert werden. »Für diese wichtige Arbeit brauchen wir hochqualifiziertes Personal – und zwar in allen Berufsgruppen, von der Reinigungskraft bis zum wissenschaftlichen Direktor.«

Für Holger Brand ist mit dem Streik ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. »Ich habe schon lange versucht, meine Kollegen dazu zu motivieren. Jetzt hat es endlich geklappt«, so der Wissenschaftliche Mitarbeiter. »Wir freuen uns jedes Jahr über die Lohnerhöhungen. Aber dafür müssen wir auch selbst Flagge zeigen.« Das sei gerade in der Corona-Krise und angesichts der harten Haltung der Arbeitgeber nötig. »Wir zeigen, dass man auch in Forschungseinrichtungen streiken kann«, so der Physiker nicht ohne Stolz.

Wolfgang Maier, ver.di-Vertrauensleutesprecher an der GSI, verweist auf den Nachholbedarf des öffentlichen Dienstes gegenüber der Privatwirtschaft. »Bei uns gibt es ein geflügeltes Wort: Bei der GSI zu arbeiten, muss man sich leisten können.« Im Vergleich zur Industrie hinke die Bezahlung teilweise um 30 Prozent hinterher. Gerade in einer Stadt wie Darmstadt mit ihren hohen Mieten und Lebenshaltungskosten sei das für viele ein Problem. Quer durch die Berufsgruppen gebe es Kolleg*innen, die nur mit einem Zweitjob über die Runden kämen, berichtet Wolfgang Maier. Zum Streik motiviert wurde der Ingenieur auch durch gesellschaftliche Missstände. Die Rente reiche für viele nicht mehr zum Leben, im Gesundheitswesen werde gekürzt, zugleich gebe der Staat Milliarden für die Industrie aus. »Ich finde es richtig, in der Industrie Arbeitsplätze zu erhalten«, stellt der Gewerkschafter klar. »Aber wenn Unternehmen, die Steuergelder erhalten, Dividende an Aktionäre ausschütten, hört es für mich auf.«

Der erste Streik an der GSI ist für Wolfgang Maier eine motivierende Erfahrung. »Es hat mich echt umgehauen, wie viele Beschäftigte aus anderen Betrieben uns hier unterstützen – das ist echt toll.« Für den Vertrauensleutesprecher und seine Mitstreiter*innen ist klar: »Wenn die Kollegen demnächst anderswo auf die Straße gehen, sind wir mit dabei.«

Daniel Behruzi

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