Hochschulen

Protest im »Ausnahmesemester«

Protest im »Ausnahmesemester«

Beschäftigte der TU Darmstadt fordern mit einer plakativen Aktion die Verlängerung befristeter Arbeitsverträge wegen zusätzlicher Belastungen durch die Corona-Pandemie.

»Corona-gerecht«, also mit Mindestabstand, Mundschutz und begrenzter Teilnehmerzahl – so demonstrierten Beschäftigte der Technischen Universität Darmstadt am Donnerstag (28. Mai 2020) vor deren Verwaltungsgebäude. »Corona-gerecht« – so sollen auch die TU und alle anderen Hochschulen mit ihren befristet Beschäftigten umgehen. Die Aktvist*innen der Initiative »darmstadtunbefristet« fordern, dass die Verträge wegen des pandemiebedingten »Ausnahmesemesters« um mindestens sechs Monate verlängert werden.

Pakative Aktion von Beschäftigten der TU Darmstadt Carl Pfeil-Herz Pakative Aktion von Beschäftigten der TU Darmstadt

Dafür hatten in kurzer Zeit 130 TU-Beschäftigte einen Offenen Brief an das Präsidium der Universität unterzeichnet. Um die Forderung öffentlichkeitswirksam zu unterstreichen, hielten die Demonstrant*innen am Donnerstag Buchstaben in die Höhe, so dass auf der einen Seite »AUSNAHMESEMESTER« und auf der anderen »VERTRÄGE VERLÄNGERN« zu lesen war. »Wir wollen deutlich machen, dass dies kein normales Semester ist«, erklärte Johannes Reinhard, der als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Physik arbeitet. »Die Lehre musste Hals über Kopf auf digital umgestellt werden. Die Forschung ist in vielen Bereichen nur eingeschränkt möglich. Und die Kolleginnen und Kollegen mit kleinen Kindern müssen irgendwie nebenher die Betreuung organisieren – all diese Belastungen führen dazu, dass sich Qualifikationsarbeiten verzögern.« Die Verantwortlichen in Politik und Hochschulen müssten darauf reagieren und die befristeten Verträge pauschal verlängern, so der ver.di-Vertrauensmann. »Es kann nicht sein, dass die prekär Beschäftigten als Bittsteller*innen auftreten müssen, um eine Verlängerung zu erhalten.«

Der Bundestag hat am 7. Mai 2020 auf die Situation reagiert und beschlossen, die Höchstgrenze zur Befristung Wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen um sechs Monate zu verlängern. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Hochschulen die Verträge auch tatsächlich fortschreiben. Die TU Darmstadt erklärt, dies geschehe, »wenn dies aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen im Einzelfall erforderlich ist«. Die meisten anderen Universitäten haben sich bislang ähnlich geäußert.

Die Aktivist*innen der von den Gewerkschaften unterstützten Initiative halten das für unzureichend. »Dass sich jede und jeder Betroffene einzeln gegenüber Vorgesetzten und Personalabteilung erklären soll, ist untragbar«, kritisiert Ricarda Kramer, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Soziologie promoviert. »Stattdessen sollte allen befristet Beschäftigten eine Verlängerung um zunächst sechs Monate angeboten werden. Eine solche Lösung wäre unbürokratisch und im Interesse aller. Oder sollen sich die aktuell ohnehin sehr belasteten Kolleg*innen in der Personalabteilung auch noch mit den individuellen Begründungen jedes und jeder Einzelnen befassen?«

Die Soziologin weist noch auf einen anderen Aspekt hin: die Geschlechtergerechtigkeit. »Frauen haben ohnehin vielfach eine Doppelbelastung von Familie und Arbeit zu schultern. Und sie sind überdurchschnittlich von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen. Sie dürfen nicht zu den Verliererinnen in dieser Pandemie werden.« Grundsätzlich gelte es, den Anteil unbefristeter Arbeitsverträge an den Hochschulen massiv auszuweiten – nicht nur im wissenschaftlichen Mittelbau, sondern auch in Verwaltung und Technik. An der TU Darmstadt sind knapp 17 Prozent der Administrativ-Technischen und über 92 Prozent der Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen auf Zeit angestellt. »Das ist viel zu viel«, stellt Kramer fest. »Dagegen werden wir weiter aufbegehren. Nach der Corona-Pandemie sicher auch wieder mit größeren Aktionen.«

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