Öffentlicher Dienst

»Wir sind streikbereit«

»Wir sind streikbereit«

Wichtiger Schritt: Bei der Tarifrunde der Länder kommt die Forderung nach einem Tarifvertrag für studentische Beschäftigte erstmals offiziell auf den Verhandlungstisch.

In der Uni Hamburg laufen sie durch Vorlesungen, hängen Plakate in Wohnheimen auf und richten auf dem Campus ein Streikcafé ein: „Wir mobilisieren ganz stark für die Tarifrunde“, betont die Studentin Heidi Heil von der Initiative TVStud Hamburg. „Wenn ver.di zu Streiks aufruft, sind wir bereit.“ Ihr Ziel ist ein bundesweiter Tarifvertrag für alle Studierenden, die als Hilfskräfte oder Tutor*innen an Hochschulen arbeiten. Sie fordern: „Keine Ausnahme!“ Während für so gut wie alle anderen Hochschulbeschäftigten der Tarifvertrag der Länder gilt, sind die über 160.000 studentischen Beschäftigten in Wissenschaft und Verwaltung – außer in Berlin – davon ausgenommen. Sie verdienen oft nur einen mickrigen Stundenlohn, hangeln sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten – und haben in vielen Bundesländern keine Personalvertretung.

Einen wichtigen Schritt haben die Aktiven von TVStud bereits geschafft: Die Gewerkschaften machen sich in der Tarifrunde explizit für die studentischen Beschäftigten stark. „Das ist ein Riesenerfolg“, sagt Isabella Rogner, bei ver.di zuständig für die Studierenden. Die Bewegung für einen TVStud habe im letzten Jahr eine unglaubliche Dynamik entwickelt. „In vielen Städten tut sich etwas“, berichtet sie, „so ist das Thema letztlich auch in die Tarifrunde gekommen.“ Dass die Gewerkschaften die Gespräche als Erwartung titulieren, nicht als Forderung, habe formale Gründe: Weil die studentischen Beschäftigten offiziell nicht zum Geltungsbereich zählen, müsste andernfalls der gesamte Manteltarifvertrag gekündigt werden. Fakt ist: „Das Thema kommt mit an den Verhandlungstisch“, erklärt Isabella Rogner.

TVStud-Aktive beim Verhandlungsauftakt mit dem ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke ver.di TVStud-Aktive beim Verhandlungsauftakt mit dem ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke

Darüber zeigt sich die Heidi Heil hocherfreut. „Wir haben schon richtig etwas bewegt.“ Die Gewerkschafterin betont, dass die Bewegung auch stark auf die Solidarität der anderen Studierenden setze. Sie ist überzeugt, dass bei einem Streik viele Kommiliton*innen mit auf die Straße gehen würden. Sowohl Professor*innen als auch Studierende zeigten für ihr Anliegen großes Verständnis. „Bei TVStud geht es nicht nur um unsere Arbeitsbedingungen. Sondern daran hängt auch stark die Qualität von Lehre und Forschung“, meint Heidi Heil.

In Hamburg arbeiten studentische Hilfskräfte an der Uni für 10,91 Euro pro Stunde. Über 70 Prozent von ihnen hätten nur sehr kurze Arbeitsverträge von zwei bis sechs Monaten, wüssten nie, ob sie verlängert würden, so die Gewerkschafterin. Wer ein Tutorium leite, habe zwischen den Vorlesungszeiten oft eine Anstellungslücke von zwei Monaten, obwohl die Arbeit auch da oft nicht aufhört und die Studierenden weiterhin Betreuung brauchen „Viele wissen nicht, wie sie ihre Miete zahlen sollen.“ Sie stört vor allem die damit einhergehende Selektion: An der Uni könnten eigentlich nur jene arbeiten, die von ihren Eltern finanziell unterstützt werden. „Das trägt zur Elitenbildung bei“, kritisiert Heidi Heil. Um über die Runden zu kommen, arbeite sie selbst wegen des niedrigen Lohns zum Beispiel „viel zu viel“. Das Studium bleibe dabei auf der Strecke. Ein weiteres großes Problem sei, dass die studentischen Be­schäftigten keine Interessenvertretung haben. Die Studentin berichtet von Kommiliton*innen, die über Monate ohne Vertrag gearbeitet oder kein Geld überwiesen bekommen hätten. „Sie sind superverzweifelt und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen.“ Andere wüssten nicht einmal, dass sie ein Recht auf Urlaub und Krankheitstage hätten, sagt Heidi Heil. Inzwischen wenden sich Studierende bei Problemen an die TVStud-Initiative. „Aber das ist kein Ersatz für eine ordentliche Personalvertretung.“

Deshalb ist es ihrer Meinung nach höchste Zeit für einen TVStud. Berlin hat vorgemacht, wie es geht: Mit Streiks setzten die Studierenden 2018 einen neuen Tarifvertrag durch. „Berlin ist unser großes Vorbild“, betont Heidi Heil. Nach dem Er­folg in der Hauptstadt gründeten sich in vielen Städten lokale Initiativen. Besonders weit ist die Bewegung in Bremen und Hamburg. Für sie steht fest: „Wir wollen einen Dammbruch erreichen.“


Dieser Artikel ist im biwifo-Report 02/2021 erschienen.

Kontakt

  • Isabella Rogner

    Bun­­­des­ar­­­beits­­­grup­­­pe Stu­­­die­ren­­­de

    030 6956 2359