Öffentlicher Dienst

Jetzt sind alle gefragt

Jetzt sind alle gefragt

Die Tarifrunde der Länder steht im Herbst an. Es zeichnet sich eine harte Auseinandersetzung ab. Die Mitglieder sind auf­gefordert, sich aktiv einzubringen. Im Interesse aller.

von Kathrin Hedtke

Die Uni Oldenburg ist so gut wie leer: In den Büros ist kaum jemand anzutreffen, ebenso wenig in den Seminarräumen. Nur bei den Hausmeister*innen, in Werkstätten, Laboren und Bibliotheken herrscht etwas Betrieb, ab und zu eilt jemand über den Campus. Petra Mende von der ver.di-Betriebsgruppe und ihr Team nutzen jede Chance, um gezielt Kolleg*innen anzusprechen: „Im Herbst steht die Tarifrunde der Länder an!“ Ob Hochschulen oder Unikliniken, Straßen­bau, Justiz oder Forschung: Verhandelt wird für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Län­der, darunter etwa 300.000 ­Kol­leg­*innen aus dem Bereich Bildung, Wissen­schaft und For­schung. Doch klar ist, dass die Mobili­sierung in der Pandemie anders aussieht als sonst. „Wir werden diesmal an der Uni keinen Infostand aufbauen und keine Flugblätter verteilen“, sagt Petra Mende. Stellt sich die Frage: Wie können die Mitglieder in Zeiten von Homeoffice am besten einbezogen werden?

„Wir hatten genug Zeit, um uns auf diese besondere Situation einzustellen“, sagt Matthias Neis von ver.di. Nach über einem Jahr Pandemie seien alle erprobt, auf virtuellen Wegen ins Ge­spräch zu kommen. Darin sieht er durchaus auch Vorteile: Kolleg*innen müssten für Veranstal­tun­gen nicht mehr quer durchs Land fahren, Infor­ma­tionen ließen sich schneller verbreiten. Es gilt: mehr Social Media, weniger Plakate. Geplant sind digitale Diskussionsveranstaltungen und Bran­chen­konferenzen. Statt mit Fragebögen durch die Betriebe zu spazieren und die Mit­glieder nach ihren Forderungen zu fragen, finden an vielen Unis jetzt Telefonkampagnen statt. Petra Mende und ihre Mitstreiter*innen haben sich aufgeteilt, wer im ersten Schritt zu welchem ver.di-Mitglied persönlich Kontakt aufnimmt. „Von einigen weiß ich, dass ich sie ab und zu treffe, mit anderen tele­foniere ich ohnehin regelmäßig.“ Außerdem lädt die Betriebsgruppe zu digitalen Informations- und Diskussionsveranstaltungen ein, um die Kolleg*in­nen einzubinden und Kontakte herzustellen.

Natürlich hofften alle, so Neis, dass künftig direkte persönliche Ansprachen und Aktio­nen vor Ort wieder möglich sind. „Aber darauf warten wir nicht, sondern legen eben jetzt schon los.“ Egal wie: Wichtig sei vor allem, die Kol­leg*innen aktiv einzubinden, betont der Gewerk­schafter. Bereits jetzt zeichnet sich eine harte Tarifaus­ein­ander­setzung ab. Zum einen sind die Länder durch die Coronakrise finanziell stark belastet. „Sowieso ist nie Geld da für die Be­schäftigten“, sagt Neis. „Dieses Argument werden die Länder auch diesmal ganz massiv nach vorne tragen.“ Seine Antwort darauf: „Ohne gute Bildung und Wis­sen­schaft wird es nach der Krise nicht vorangehen.“ Doch die Arbeitgeber hätten bereits sehr deutlich einige unerfüllbare Erwartungen formuliert, berichtet er. Sie wollen die zentralen Regeln der derzeitigen Ent­geltordnung infrage stellen, um schlechtere Ein­gruppierungen durchzusetzen.

Deshalb sind jetzt die Mitglieder besonders gefragt. Eine zentrale Frage lautet, wozu sie bereit sind, um ihre Forderungen durchzusetzen: Gespräche mit Kolleg*innen führen? An Akti­onen teilnehmen? Streiken, wenn es nötig wird? „Dadurch wollen wir in die Offensive kommen“, erklärt Neis.

Der Gewerkschafter berichtet, dass auch Kooperationen zwischen Hochschulen und Uni­kliniken geplant sind. „Ein großartiges Zeichen.“ Nicht nur wegen der Fusion der beiden zuständigen ver.di-Fachbereiche, sondern vor allem, um sich gegenseitig zu unterstützen. Eine Idee ist zum Beispiel, dass Kolleg*innen aus der Uni rüber ins Krankenhaus gehen, dort mit Pflegekräften über die Tarifrunde sprechen – und andersrum. Gerade an Hochschulen seien Beschäftigte unsicher, so Neis, ob sie in der Coronapandemie überhaupt mehr Geld fordern könnten, wo doch un­ter anderem die Pflegekräfte so viel schlechter dran seien als sie selbst. Die Kolleg*innen im Kranken­haus könnten diesen Zweifel entkräften, nach dem Motto: „Wenn wir uns zusammen für unsere Interessen stark machen, können wir viel mehr bewirken. Das kommt allen zugute.“ Der Gewerkschafter ist überzeugt: So sieht Solidarität in der Krise aus.

Mehr Infos: unverzichtbar.verdi.de

Petra Mende ist Personalratsvorsitzende an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und aktiv in der ver.di-Betriebsgruppe