Öffentlicher Dienst

»Etwas verändern«

»Etwas verändern«

Rausholen, was geht: Als ehrenamtliche Gewerkschafterin wirkt Maggie Paal von der Uni Tübingen aktiv an den Tarifverhandlungen mit.

Systematisch klappert Maggie Paal an der Universität Tübingen ein Gebäude nach dem anderen ab, geht dort schnurstracks auf die Menschen zu. Das Gespräch beginnt sie in der Regel ganz direkt mit den Worten: „Ich möchte mit Ihnen gerne über die Tarifrunde sprechen!“ Für die 43-Jährige ist extrem wichtig zu wissen, was die Beschäftig­ten bewegt: Sie ist Mitglied der ver.di-Bundestarifkommission und gehört der Verhandlungskommission an.

Maggie Paal (rechts) vor der Uni in Aktion Friedhelm Albrecht Maggie Paal (rechts) vor der Uni in Aktion

„Dabei gilt es, die Stimmung von der Basis einzubringen“, betont Maggie Paal. Im ersten Schritt trägt sie dazu bei, die Forderungen für die Tarifrunde aufzustellen. Die Pandemie habe in diesem Jahr viel erschwert. „Die Leute sind schwer zu erreichen.“ Die Personalrätin klemmt sich hinters Telefon, telefoniert die verdi-Mitgliederliste durch, besucht Betriebsgruppen anderer Einrichtungen, nutzt jeden persönlichen Kontakt für Gespräche. Ihre Bilanz: „Die wichtigsten Themen sind Lohn und Arbeitszeit.“ Die Mieten seien in Tübingen „abartig hoch“, die Kosten fürs Leben stiegen, so dass es vielen Men­schen auf jeden Cent ankomme.

Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum Peer-Arne Arweiler in der Tarifrunde aktiv ist. „Wenn die Löhne nicht so stark steigen wie die Preise, haben wir weniger Geld in der Tasche“, sagt der Verwaltungsangestellte der Uni Tübingen. „Das bereitet mir Sorgen.“ Bei ver.di eingetreten ist er vor allem, weil er seinen Tarifvertrag sehr zu schätzen weiß. „Ich finde es super, dass es den TV-L gibt.“ Er sei sich bewusst, betont Peer-Arne Arweiler, dass jeder für sich alleine in Verhandlungen deutlich schlechtere Karten hätte. „Deshalb möchte ich mich solidarisch zeigen und aktiv einen Beitrag dazu leisten.“

Auch Maggie Paal macht immer wieder klar, dass Lohnerhöhungen nicht vom Himmel fallen. Aus der Verhandlungskommission weiß sie nur zu gut, wie wichtig Druck auf die Arbeitgeber ist. Zusammen mit den anderen ehrenamtlichen Mitgliedern des Teams reist sie zu jeder Verhandlungsrunde, wartet bei den Gesprächen viele Stunden lang im Nebenraum. In der Pause koppeln sich die aktiven Gewerkschafter*innen stets mit der ver.di-Verhandlungsspitze rück. Dabei ist ihr wichtig, klipp und klar zu machen, bei welchen Themen die Gewerkschaften „keinen Millimeter“ nachgeben dürfen oder wo im Notfall kleine Zugeständnisse möglich wären. „Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass ver.di rausholt, was rauszuholen ist“, bekräftigt Maggie Paal. „Das Problem sitzt auf der anderen Seite.“ Sie beobachte, dass die Bereitschaft der Arbeitgeber zu Zugeständnissen immer mehr sinke. Umso wichtiger, dass die Beschäftigten in der Tarifrunde notfalls zu Streiks bereit sind.

„Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Tarifverträge sind“, betont Maggie Paal. Als die Veranstaltungstechnikerin 2005 an der Uni eingestellt wurde, galt gerade kein Tarifvertrag – der Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) war außer Kraft, der Tarifvertrag der Länder (TV-L) noch nicht eingeführt. Die junge Frau kam damals aus der Showbranche, hatte mit Gewerkschaft nichts am Hut. „Ich hatte beim Vorstellungsgespräch noch überhaupt keine Ahnung, was es mit Tarifverträgen und Eingruppierungen auf sich hat.“ Die Auswirkungen wurden ihr jedoch schnell klar: Mit 41 Stunden pro Woche arbeitete sie deutlich länger als ihre Kolleg*innen, das Gehalt wurde ohne eine tarifliche Tätigkeitsbewertung festgelegt.

Holterdiepolter kandidierte sie noch in der Probezeit erfolgreich für den Personalrat, trat bei ver.di ein und übernahm etliche Posten und Aufgaben. „Mir ist wichtig, in der Gesellschaft etwas zu verändern. Ohne Gewerkschaften ist das nicht möglich, denn Arbeit ist existenziell wichtig und bestimmt einen Großteil des Alltags der Menschen“, betont die Gewerkschafterin. Wenn sie später mal auf ihr Leben zurückblicke, möchte sie das Gefühl haben: „Ich habe mich im Rahmen eingebracht, wo sich Möglichkeiten ergeben haben.“ Deshalb empfindet Maggie Paal die Arbeit in der Bundestarif- und Verhandlungskommission als „großes Glück“.

  • Tarifforderungen

    + Erhöhung der Tabellenentgelte um 5 Prozent, mindestens 150 Euro monatlich

    + Erhöhung der Entgelte der Auszubildenden, Studierenden und Praktikant*innen um 100 Euro monatlich

    + Laufzeit zwölf Monate

    + Übernahme der Azubis

  • Erwartungen

    + Verbesserungen bei der Ein­gruppierung

    + Verhandlungsverpflichtung über einen Tarifvertrag für ­studentische Beschäftigte

    + Übernahme der Fahrtkosten in Höhe des monatlichen ÖPNV-Tickets für Auszubildende und Praktikant*innen


Dieser Artikel ist im biwifo-Report 02/2021 erschienen.

Kontakt