Studentenwerke

BAföG-Reform ist zwingend notwendig

BAföG-Reform ist zwingend notwendig

Lehre aus der Corona-Krise: System der Ausbildungsförderung muss weiterentwickelt werden. Interview mit dem neuen Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Matthias Anbuhl.

Matthias Anbuhl Kay Herschelmann Matthias Anbuhl

Matthias Anbuhl ist seit Oktober neuer Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Zuvor leitete er die Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Die Corona-Pandemie hat offenbart, wie prekär die wirtschaftliche Lage vieler Studierender ist. Die allermeisten sind auf Nebenjobs angewiesen, die plötzlich nicht mehr zur Verfügung standen. Haben die politisch Verantwortlichen genug getan, um die Betroffenen zu unterstützen?

Die Pandemie war und ist für die Studierenden eine besondere Belastung – finanziell, aber auch psychisch. Nebenjobs sind weggefallen. Wir hatten drei Online-Semester, das heißt: Die Hälfte eines Bachelor-Studiums fand nur digital statt. Zwar hat sich die Absicht, das Studium abzubrechen, einer Studie vom Sommer 2020 zufolge nicht signifikant erhöht. Bei Studierenden, die nicht aus einem akademischen Umfeld kommen und keinen so starken finanziellen Hintergrund haben, ist das allerdings deutlich häufiger der Fall. Zur Unterstützung gab es unter anderem die über die Studenten- und Studierendenwerke organisierte Überbrückungshilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Insgesamt wurden knapp 195 Millionen Euro an rund 108.000 Studierende ausgezahlt. In den meisten Bundesländern wurden die Regelstudienzeit und damit die Möglichkeit zum BAföG-Bezug verlängert. Wir hätten uns allerdings zudem gewünscht, das BAföG für Studierende zu öffnen, die pandemiebedingt in eine Notlage geraten sind. Das wollte die Bundesregierung leider nicht.

Die Situation hat ein Schlaglicht darauf geworfen, dass das BAföG-System auf tönernen Füßen steht. Nur noch elf Prozent der Studierenden erhielten 2020 die Ausbildungsförderung. Kurz nachdem das BAFöG vor 50 Jahren eingeführt wurde, waren es vier Mal so viele. Wo sehen Sie die Ursachen?

Bei der Bearbeitung der Überbrückungshilfe mussten die Studenten- und Studierendenwerke viele Anträge ablehnen, obwohl die Betroffenen einen niedrigen Kontostand hatten – weil sie schon vor der Pandemie arm waren. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das BAföG seine Zielgruppe nicht mehr ausreichend erreicht. Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass das BAföG ein wichtiges Instrument zur Förderung von Chancengleichheit ist. Doch es wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht gepflegt. Wir haben seit acht Jahren in Folge einen Rückgang der Gefördertenquote bei den Studierenden! Zudem stellen wir fest, dass manche Studierende wegen des Darlehensanteils keinen Antrag stellen, weil sie nicht mit Schulden ins Berufsleben starten möchten. All das macht eine BAföG-Reform zwingend notwendig.

Wie müsste die aussehen?

Wir brauchen sehr schnell eine kräftige Erhöhung der Bedarfssätze und Elternfreibeträge, um insbesondere Studierende aus der Mittelschicht wieder zu erreichen. Die Förderungshöchstdauer muss erhöht werden. Denn bislang ist sie an die Regelstudienzeit gekoppelt, in der aber nur rund ein Drittel der Studierenden ihr Studium abschließt. Oft bricht die Studienfinanzierung deshalb kurz vor dem Abschluss weg – eine sehr prekäre Situation, die durch die Verlängerung der Förderhöchstdauer vermieden werden kann. Wir sprechen uns zudem für einen Krisenmechanismus im BAföG aus, auf den in künftigen Krisen schnell und unbürokratisch zurückgegriffen werden kann. Und wir wollen den Darlehensanteil zurückführen, damit das BAföG als Vollzuschuss gezahlt wird.

Müssten die zum Teil extrem hohen Mieten in den Ballungszentren nicht stärker berücksichtigt werden?

Es ist richtig, dass die durchschnittlichen Mietkosten in den Hochschulstädten oft geradezu explodiert sind. Vor diesem Hintergrund besteht beim Wohnungsbau dringender Handlungsbedarf. Das eins zu eins im BAföG über eine Erhöhung der Wohnpauschale abzubilden, beinhaltet allerdings die Gefahr, dass in einem engen Wohnungsmarkt die Erhöhung durch weiter steigende Mieten aufgefressen wird. Deshalb plädieren wir für den Ausbau der Wohnheimkapazitäten. Ein von den Studenten- und Studierendenwerken angebotener Wohnheimplatz kostet im Schnitt 263 Euro warm. Das sind Mieten, die sich Studierende leisten können. Diese Angebote müssen wir ausbauen, doch das ist in den vergangenen Jahren nicht ausreichend geschehen. Seit 2007 sind die Studierendenzahlen um 49 Prozent gestiegen, die Zahl der Wohnheimplätze aber nur um acht Prozent. Hier gibt es einen enormen Nachholbedarf.

Die Pandemie ist nicht nur finanziell, sondern auch psychisch für viele Studierende eine schwere Zeit. Ist das in den psychologischen Beratungsstellen der Studierendenwerke spürbar?

Absolut. Die drei digitalen Semester fordern einen Tribut. Die Nachfrage nach psychosozialer Beratung steigt sehr stark an. Das geht von depressiven Verstimmungen über Einsamkeitsgefühle bis hin zu Ängsten vor Verschuldung und Fragen zur Sinnhaftigkeit eines solchen Studiums. Wir kommen mit unseren Beratungskapazitäten kaum hinterher. Zum Beispiel im Studentenwerk Leipzig hat sich die Wartezeit für eine Beratung von anderthalb auf drei Monate verdoppelt. Deshalb fordern wir von der neuen Bundesregierung, das Bund-Länder-Aktionsprogramm, das es für Kinder und Jugendliche gibt, auf Studierende zu erweitern und insbesondere die Finanzmittel für die Beratungsangebote der Studierendenwerke aufzustocken. 

Einerseits wächst, wie Sie sagen, der Bedarf nach Studentenwohnungen, Sozialberatung und anderen Unterstützungsangeboten für Studierende. Andererseits könnte die Pandemie dauerhaft zu einer stärkeren Digitalisierung des Hochschulbetriebs führen. Wo sehen Sie in dieser Gemengelage die Rolle und Perspektive der Studierendenwerke?

Ich sehe uns mitten drin in dieser Entwicklung. Die drei digitalen Semester haben gezeigt, dass man die Lehre nicht dauerhaft und vollständig online anbieten kann. Es wird wohl einen Mix geben aus Präsenz – die einfach auch notwendig ist – und digitalen Angeboten. Ich glaube aber, dass die Campusse dadurch nicht weniger lebendig sein werden als vor der Pandemie. Unsere Studierendenwohnheime sind gut ausgelastet – sicher auch weil es für Studierende ein wichtiges Element in ihrer persönlichen Entwicklung ist, in die Hochschulstädte zu ziehen. Die Angebote der Studenten- und Studierendenwerke werden sich sicherlich verändern, etwa wird die studienbegleitende Sozialberatung womöglich verstärkt auch digital angeboten werden. In den Mensen werden zum Beispiel mehr Platz und digitale Bezahlformen nötig sein. Insgesamt aber werden das Wohnen, das Mensaessen und der Kaffee zwischendurch nicht digitalisiert werden, sondern weiterhin analog zum Studium dazugehören. Und damit auch die Studierendenwerke.

Interview: Daniel Behruzi