Studierende

„Für viele absolutes Neuland“

„Für viele absolutes Neuland“

Nicht nur anderen helfen, sondern auch die eigenen Arbeitsbedingungen verbessern: Neues Campusprojekt von ver.di will Kontakt zu Studierenden der Sozialen Arbeit aufbauen.

Bei dem Treffen reden sich viele Stu­dierende der Sozialen Arbeit von der Hochschule Hannover ihren Frust von der Seele. Klar hätten sie schon gehört, dass Menschen in sozialen Berufen schlecht bezahlt würden, berichtet Sozialarbeiter Stefan Borell du Vernay. „Aber kaum je­mand kann sich vorstellen, wie es in der Praxis aussieht.“ Im Anerkennungsjahr in einer sozialen Einrichtung erleben viele zum ersten Mal, was es heißt, voll im Betrieb mitzuarbeiten, eigene Klient*innen zu betreuen, Verant­wor­tung zu übernehmen, aber dafür nur einen mickrigen Lohn zu bekommen. „Ich versuche, ihnen klar zu machen, dass alle von diesem Problem betroffen sind und dass es sich nur kollektiv lösen lässt.“ Viele Studie­ren­de wüssten gar nicht, was ihre Arbeits­bedingungen mit Gewerkschaft, Betriebs­räten und Tarifver­trä­gen zu tun haben.

Das soll sich ändern. Mit dem sogenannten Campusprojekt will der ver.di-Landes­bezirk Niedersachsen-Bremen die Studie­ren­denarbeit systematisch aufbauen. „Wir wollen Studierende der Sozialen Arbeit gezielt mit gewerkschaftlichen Positionen in Kontakt bringen“, sagt Frank Ahrens von ver.di. Das Pilotprojekt ist an der Hoch­schule Hannover und der Ostfalia-Hoch­schule in Wolfenbüttel angesiedelt und zu­nächst auf zwei Jahre angelegt. Das Kon­zept sieht vor, dass Studierende während ihres Studiums regelmäßig mit ver.di ins Gespräch kommen, etwa in Workshops, Vor­lesungen und Seminaren.

Ab dem Wintersemester ist Nejla Salakovic als hauptamtliche Gewerkschafts­sekretärin für das Projekt verantwortlich. Aus ihrem eigenen Studium der Sozial­wissenschaften weiß die 25-Jährige, dass Studierende in der Uni wenig Berührung mit Gewerkschaften haben. „Da gibt es eine Leerstelle“, sagt Nejla Salakovic. Es gelte, nicht nur eine Mail über den Verteiler zu schicken, sondern wirklich Kontakt aufzubauen. Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Übergang vom Studium zum Beruf. Bei den Studierenden der Sozialen Arbeit biete sich das Anerkennungsjahr besonders als Anknüpfungspunkt an.

In vielen sozialen Einrichtungen von Kommunen, kirchlichen Trägern und Wohl­fahrtsverbänden gebe es aktive Interessen­vertretungen, sagt Frank Ahrens. Dort sollen ehrenamtliche Gewerkschafter*innen aufgefordert werden, Verantwortung für die neuen Kolleg*innen zu übernehmen. „Wir wollen eine Betreuungsstruktur fördern“, so Ahrens, „und eine Brücke zwischen Betrieb und Studium aufbauen.“

Ziel sei es, dass Studierende ver.di nicht nur als Organisation begriffen, die ihnen Tipps und Infos bereitstelle, „sondern wo sie sich auch für ihre eigenen Interessen stark machen können“, sagt der Gewerk­schafter, „im Studium und später im Be­ruf.“ Sozialarbeiter Stefan Borell du Vernay berichtet, die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit seien häufig – „salopp ge­sagt“ – konfliktscheu. Im Mittelpunkt stehe der Anspruch, anderen Menschen zu helfen. „Viele gehen davon aus, dass alle nett sind und ihr Bestes geben“, sagt der 34-Jährige. „Dabei fehlt ihnen oft ein Gefühl dafür, dass sie Lohnarbeit leisten – und es einen Interessengegensatz zwischen ihnen und dem Arbeitgeber gibt.“

Borell du Vernay erklärt den Studieren­den, warum er sich be­wusst dafür entschieden habe, bei einem politischen Träger mit Tarifvertrag zu arbeiten. Die meisten hätten sich darüber noch gar keine Gedanken ge­macht. „Das Thema ist für viele absolutes Neuland“, sagt der Gewerkschafter. Des­halb diskutiert er mit den jungen Menschen über Arbeits­bedingungen und Tarifverträge. Sein Fazit: „Ich spüre große Offen­heit.“

Kathrin Hedtke