Weiterbildung

In die Vollen für die „Gute Sache“

In die Vollen für die „Gute Sache“

Gewerkschaftsfeindlichkeit, Ketten­befris­tun­gen und fehlender Tarifvertrag: Dagegen macht sich ver.di in Berlin mit einer Kampagne stark.

Die Beschäftigten in der Bildungs- und Beratungs­arbeit fördern mit ihrer Arbeit die Demokratie in unserer Gesellschaft, doch sie selbst arbeiten unter äußerst prekären Bedin­gun­gen. Mit ihrer Kampagne „Für die Gute Sache! Aber zu welchem Preis?“ machen Beschäftigte und Freiberufler*innen aus der Branche auf dieses Missverhältnis aufmerksam.

Viele Bildungsträger in Berlin seien über den Senat haushaltfinanziert oder über die Bundes­agentur für Arbeit und andere staatliche Einrich­tungen mischfinanziert, berichtet der zuständige Gewerkschafts­sekretär André Pollmann. Doch obwohl der Senat sich „Gute Arbeit im Auftrag des öffentlichen Dienstes“ im Regie­rungs­­pro­gramm auf die Fahnen geschrieben hat, gilt: „Nahezu alle angestellten Beschäftigten haben nur befristete Verträge, selbst die Betriebsrät*in­nen“, sagt Pollmann. Gewerkschaftliche Struk­turen und demokratische Mitbestimmung in den Betrieben aufzubauen, sei unter diesen Um­ständen mehr als schwierig.

„Gewerkschaftsfeindliches Verhalten kommt nicht immer mit der Holzhammer-Methode daher, sondern kann auch ganz subtil sein,“ sagt Sara K*. Sie hat als Bildungsberaterin im Projekt „Mo­bile Beratung zu Bildung und Beruf für geflüchtete Frauen“ beim gemeinnützigen Berliner Unter­nehmen Goldnetz gearbeitet. Bis sie sich im Frühling 2019 gemeinsam mit zwei Kolleg*innen in der ver.di-Kampagne engagiert und die Ge­schäftsführung zu einem Gespräch mit der Ge­werk­schaft eingeladen hat. Thema sollte ein angestrebter Branchentarifvertrag sein. „Wir dachten damals, ein solcher Tarifvertrag wäre für Goldnetz attraktiv, denn der finanzielle Mehr­aufwand würde ja vom Senat refinanziert“, sagt die 35-Jährige. Doch zu dem Gespräch kam es nicht.

Stattdessen habe die Geschäftsführung ein Bedrohungsszenario aufgebaut, so Sara K. Die Teamleitung habe den drei Beschäftigten erklärt, sie sollten ihr Engagement in der Kampagne einstellen, sonst würden ihre Verträge nicht verlängert. Und tatsächlich erhielten Sara K. und ihre beiden Kolleg*innen im Herbst 2019 keine Ver­tragsver­längerungen. Die offizielle Begrün­dung: Da sich die Zielgruppe des Projektes ab Anfang 2020 von Geflüchteten auf Zugewanderte ändere, seien die drei Beschäftigten nicht mehr qualifiziert. Diesen vorgeschobenen Grund wollte die studierte Kultur­wissenschaftlerin nicht akzeptieren und reichte Klage ein. In erster Instanz hat Sara K. zwar verloren. Aber der Termin für die Berufung steht schon fest. „Es ist wichtig zu zeigen, dass wir nicht alles mit uns machen lassen“, sagt die Bildungs­bera­terin.      

Unterstützt wird sie dabei weiterhin von ver.di und natürlich von ihren Kampagnen-Kolleg*in­nen. Denn Sarah K. engagiert sich weiter für einen Branchentarifvertrag in Anlehnung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) mit entsprechenden Entfristungs­regelungen. Neben fairen Arbeits- und Honorar­bedingungen für Freiberufler*innen setzen sich die Aktiven der Kampagne vor allem für einen Strukturwandel ein. Mit einem konkreten Maß­nahmen-Katalog fordern sie den Berliner Senat auf, Voraussetzungen zu schaffen, die mehr Demokratie und Mitbestimmung in den Be­trieben ermöglichen. Sarah K. wird auf jeden Fall weiter Druck aufbauen und gemeinsam mit ihren Kol­leg*innen „Für die Gute Sache!“ kämpfen. Und dafür gehen sie auch unter schwierigen Be­din­gun­gen „in die Vollen“, sagt Gewerk­schafts­­­sekretär André Pollmann.

*Name von der Redaktion geändert

Die Kampagne und aktuelle Termine verfolgen:
https://gute-sache-welcher-preis.de/
https://twitter.com/GuteSacheBTV