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»Lohnt sich, hartnäckig zu bleiben«

»Lohnt sich, hartnäckig zu bleiben«

Die Beschäftigten der VHS Delmenhorst setzen einen Haustarifvertrag fast auf TVöD-Niveau durch.

Einmal haben sie Kuscheltiere auf dem Marktplatz in Delmenhorst ausgesetzt: An einer Laterne prangte eine grüne Maus, ein paar Meter weiter hockte ein pummeliger Marienkäfer. Sie trugen kleine Schilder um den Hals: Sie seien bei der VHS Delmenhorst beschäftigt, stand darauf: „Vor zehn Jahren hat meine Mama gesagt, dass sie an mir sparen möchte und mich deshalb vor die Tür gesetzt. Da ist es so kalt.“ Ein andermal überreichten sie den Stadtverordneten feierlich eine Torte, nach dem Motto: „Wir feiern zehn Jahre ohne Tarifvertrag!“ Außer netten Worten passierte lange nichts. Doch die VHS-Beschäftigten ließen nicht locker und machten immer wieder öffentlich auf ihre Situation aufmerksam. Das hat sich ausgezahlt: Jetzt haben sie einen Tarifvertrag durchgesetzt, der sich sehen lassen kann. „Endlich hat es doch noch geklappt“, sagt Betriebsrat Kai Reske. Fast vier Jahre lang haben er und seine Kolleg*innen dafür gekämpft.

Kuscheltieraktion Christopher Bredow, Delmenhorster Kreisblatt Kuscheltieraktion

Als Kai Reske vor rund elf Jahren seine Stelle als Programmbereichsleiter antrat, hatte die VHS Delmenhorst gerade den Haustarifvertrag gekündigt. Wer neu eingestellt wurde, bekam weniger Lohn. „Die Differenz ging in die hunderte Euro.“ Doch das Problem rückte erst so richtig in den Fokus, als vor vier Jahren ein neuer Betriebsrat gewählt wurde. Kai Reske und seine Kolleg*innen liefen durch die Volkshochschule und wollten wissen: „Womit seid ihr unzufrieden?“ Dabei zeigte sich, dass viele Beschäftigte die ungleiche Bezahlung enorm störte. „Schließlich machten sie genau den gleichen Job.“ Deshalb überlegte der Betriebsrat, was sich dagegen tun ließ. „Da war ein Tarifvertrag sehr nahelegend“, meint der Programmbereichsleiter. Die Aktiven nahmen Kontakt zu ver.di auf. Doch die niedersächsische Landesfachbereichsleiterin Ulrike Schilling machte ihnen klar, dass drei Gewerkschaftsmitglieder „etwas wenig“ waren, um erfolgreich einen Tarifvertrag durchzusetzen.

Als Voraussetzung einigten sie sich darauf, dass mindestens die Hälfte der 40 VHS-Beschäftigten in der Gewerkschaft sein sollte. Die ver.di-Aktiven führten zig Gespräche – und überschritten in kurzer Zeit die Zielmarke. „Wir waren von dem großen Erfolg selbst überrascht“, sagt Kai Reske. „Das hat uns gezeigt: Gemeinsam können wir es schaffen, eine gewichtige Stimme im Betrieb zu werden.“ Vorher seien sie Einzelkämpfer*innen gewesen: Sie hätten jeweils alleine bei der Geschäftsführung im Büro gesessen und auf eine Lohnerhöhung gehofft. „Jetzt stellten wir gemeinsam unsere Forderungen auf“, betont der Betriebsratsvorsitzende.

Doch sie hätten schnell gemerkt, dass sie in den Gesprächen mit der Geschäftsführung der gemeinnützigen GmbH – einer 100-prozentigen Tochter der Stadt Delmenhorst – nicht weiterkamen, berichtet Kai Reske, da die VHS gar nicht über die notwendigen Eigenmittel verfügte. Und suchten deshalb das Gespräch mit der Politik. Sie sprachen mit Mitgliedern aller Stadtratsfraktionen, außer der AfD. Zum Teil hätten sie zwar viel Zuspruch erhalten, so der Betriebsrat, aber sonst tat sich nichts. Zwei Jahre später waren die VHS-Beschäftigten keinen Schritt weiter. „Wir waren so frustriert, dass wir hinschmeißen wollten.“ Doch stattdessen entschieden sie: „ganz oder gar nicht“. Und mobilisierten noch einmal alle Kräfte. Mit kreativen Aktionen bestimmten die VHS-Beschäftigten immer wieder die Schlagzeilen in der Stadt.

ver.di-Verhandlungsführerin Ulrike Schilling zeigt sich vom Engagement der Beschäftigten begeistert: „Das war Kampagnenarbeit wie aus dem Lehrbuch.“ Mit ihren Aktionen hätten sie letztlich ein Umdenken bewirkt. „Das ist eine kleine Belegschaft, die dran geblieben ist“, so die Gewerkschafterin, „und gezeigt hat, dass man etwas bewirken kann.“

Irgendwann hätten die Politiker*innen erkannt, dass sie an einem Haustarifvertrag nicht vorbeikamen, berichtet Kai Reske, und stimmten im Stadtrat für eine Erhöhung der Zuschüsse. Anschließend ging es bei den Tarifverhandlungen nur noch um die Frage, wie das Geld am besten verteilt wird.

Das Ergebnis ist ein Haustarifvertrag, der sich „ernsthaft“ am TVöD orientiert. Die Kolleginnen und Kollegen hätten künftig mehr Geld in der Tasche, sagt der Betriebsrat, entweder direkt oder bei der nächsten Stufenerhöhung. Wichtig war für die Kolleg*innen auch die neue Regelung zur Entfristung: Wer fünf Jahre dabei ist, erhält beim nächsten Vertrag automatisch eine unbefristete Anstellung. Zudem gibt es für ver.di-Mitglieder einen Urlaubstag extra. Kai Reskes Fazit: „Es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben.“


Dieser Artikel ist im biwifo-Report 02/2021 erschienen.

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